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Heimische Fische

Wissen die Deutschen was in ihre Flüssen gehört?

Inhalt

    Bild: Flusslauf Leitfisch Regionen

    Die verschiedenen Abschnitte der Flüsse von der Quelle bis zur Mündung, werden von regionstypischen Fischarten, den sogenannten Leitfischarten bewohnt. Jeder Angler sollte die Leitfischarten Bachforelle, Äsche, Barbe, Blei, Kaulbarsch und Flunder einem Abschnitt im Fluss zuordnen können. Das Vorkommen und die Häufigkeit der genannten Arten in den entsprechenden Flussabschnitten lässt Rückschlüsse auf den Zustand eines Flusses zu. Allerdings ist dieses Wissen über heimische Fische und wo sie leben leider noch kein Allgemeingut.

    Forscher vom Berliner Leibniz Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben als Erste eine Befragung zur Artenvielfalt von Fischen in den Flüssen mehrerer europäischer Länder durchgeführt. Die Studie zeigte, dass in Deutschland eine hohe Wertschätzung für einen guten ökologischen Zustand der Flüsse besteht, obwohl die meisten heimischen Fische kaum bekannt sind und ihre Nutzung eine nur untergeordnete Rolle spielt. Die grundlegende Frage, welche heimischen Fische man gut essen kann und welche nicht, ist in unserer Gesellschaft kein zentrales Thema mehr.

    Das Leben der Fische unter Wasser – für die meisten ein tiefes Geheimnis

    Bild: Schwimmender oder springender Lachs (deutschland)

    Bei der oben genannten Untersuchung wurden in Deutschland und drei anderen europäischen Staaten je 1000 Bürger dazu befragt, wie sie die Vielfalt der Arten in den Flüssen wahrnehmen. Dabei wurde die Erwartung, dass über heimischen Fische, Flüsse und Seen nur wenig Kenntnis besteht, bestätigt. Beispielsweise wurden Arten wie Bachsaibling und Regenbogenforelle, die im 19.Jahrhundert für die Fischproduktion importiert worden waren, vorwiegend für heimische gehalten. Der in Deutschland autochthone Atlantische Lachs wird hingegen von der Mehrheit der Deutschen eher in den nordischen Ländern angesiedelt. Als heimischer Fisch scheint er fast in Vergessenheit geraten. Laut Aussage der Autorin der Untersuchung, Frau Dr. Sophia Kochalski von der Arbeitsgruppe integratives Angelfischerei Management (IGB), war gerade diese Aussage für die Wissenschaftler überraschend, ist doch der Lachs eine Flaggschiffart, die zum Schutz der Flüsse und Bäche seit mehreren Jahren und mit großen Anstrengungen an Rhein und Elbe wieder angesiedelt wird.

    Was man nicht mehr sieht, wird vergessen

    typische Flussverbauung – Staustufe zur Stromerzeugung

    Die allermeisten Studienteilnehmer in Deutschland kennen Störe nur vom Hörensagen. Dass der Stör ebenfalls eine heimische Art ist, ist nur 50 % der Befragten bewusst. Der Verlust und die schlechte Zugänglichkeit von Laichplätzen durch Wehre und andere Hindernisse, sowie Überfischung führten zum Aussterben des größten heimischen Wanderfisches. Bereits einige Jahrzehnte später führte sein Fehlen, wie beim Lachs auch, zum allgemeinen Vergessen der einst so bedeutenden Art.

    Einig waren sich die Studienteilnehmer hingegen beim Thema Verschmutzung. Diese wurde als wichtigste Bedrohung für die Biodiversität empfunden und Einflüsse, die weniger sichtbar sind, werden zudem als weniger bedrohlich wahrgenommen. Zu diesen Stellschrauben gehören der Verlust der Vielfalt an Lebensräume, klimatische Veränderungen und das Auftreten potentiell invasiver Organismen. Diese haben eine herausragende Rolle bei der Gefährdung der Biodiversität aquatischer Lebensräume.

    Die chemische Wasserqualität hat sich mittlerweile durch flächendeckende und effektive Kläranlagen stetig verbessert. Dennoch befindet sich ein Drittel der europäischen Flussfischarten in einem besorgniserregenden Erhaltungszustand und ist somit vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben. Auf der Suche nach den Ursachen fällt der stark technisierte Ausbauzustand der meisten Fließgewässer Europas ins Auge: Flüsse wurden optimiert, um die Schiffbarkeit und Energiegewinnung zu gewährleisten. Hochwasserschutz und Flurbereinigung taten ihr Übriges. Als Folge fehlen für viele anspruchsvollere heimische Fischarten entsprechende Laich- und Aufwuchsplätze. Vor allem aber können die Langstreckenwanderer, wie Lachse, Aale, Maifische und Störe, die vielen Wehre, Dämme und Wasserkraftanlagen kaum überwinden und werden folglich in ihrer Reproduktion stark behindert.

    Die Wertschätzung intakter Flüsse ist entkoppelt vom direkten Nutzungsgedanken und der Kenntnis einzelner Arten

    Bild: Angler beim Spinnfischen

    Zahlreiche Untersuchungen zeigen deutlich, dass der Schutz der Umwelt und der schonende Umgang mit den Ressourcen der Natur in Deutschland eine hohe Wertschätzung genießt. So konnten die Forscher des IGB nachweisen, dass dies auch für die heimischen Fische gilt. Der potentielle ökonomischer Nutzen, also welche heimischen Fische zum Essen oder Angeln besonders geeignet sind, stand für die befragten Deutschen dabei im Hintergrund. Wichtiger war hingegen der reine Erhaltungsgedanke der bedrohter Tierarten. Dies spiegelt sich auch im Interesse vieler Grundstückseigentümer wieder, welche heimischen Fische für den Gartenteich geeignet sind! Grundsätzlich stehen die meisten Menschen Wiederansiedlungsprojekten und Besatzmaßnahmen, wie von Lachs und Stör, sehr positiv gegenüber und das macht Mut für die Zukunft – vor allem auch für uns Angler.

    Insgesamt wird deutlich, dass die Wertschätzung von intakten Flüssen in Deutschland auch ohne detaillierte biologische Kenntnisse sehr hoch ist. Dies spiegelt eine naturverbundene Einstellungen der Befragten wieder. Allerdings gibt es einen großen Unterschied zwischen Lippenbekenntnissen und echten Aktivitäten. Die Wissenschaftler um Sophia Kochalski schlagen daher als Handlungsempfehlung die Zusammenarbeit mit ausgewählten Akteuren vor. Hierfür kommen insbesondere Angler in Frage, die bereits von Hause aus ein Interesse am Erhalt der heimischen Fische haben, um diese zu angeln, und auch langjährige Erfahrung mit aquatischen Lebensräumen, dem Erhalt von Biotopen und deren Aufwertung mitbringen. Interessen und Erfahrungen, die Weit über das reine Angeln hinausgehen. Darüber hinaus sollte die Arbeiten von Naturfreunden, Künstlern und Historikern in Wort und Bild das Interesse der Gesellschaft am Fisch wecken und vertiefen.

    Auch Umwege führen zum Ziel

    Bild: Renaturierung / renaturiertes Gewässer

    Wenn es darum geht, die Gesellschaft zu sensibilisieren, sind der Bezug der Menschen zu den einzelnen Fischarten und zu intakten Lebensräumen allgemein, unterschiedlich wichtig. In Ländern wie Norwegen, mit einer engen historischen und wirtschaftlichen Verbindung zum Lachs, lassen sich Schutzprojekte, die einen Schwerpunkt auf diese Flaggschiffart setzen, besser entwickeln, als in Deutschland. Studienleiter Professor Dr. Robert Arlinghaus (IGB, HU-Berlin) fasst darum zusammen, dass in Ländern mit geringerem persönlichen Bezug zu einzelnen Fischarten, die allgemeine Sensibilisierung der Gesellschaft für gesunde Lebensräume und deren Ökosystemleistung als Nutzen für die Gesellschaft und jeden Einzelnen zielführender ist. Eine Revitalisierung und Wiederbefreiung von Flüssen und Bächen, weg vom harten Ausbauzustand und hin zu mehr Naturnähe und Ursprünglichkeit, käme dabei schlussendlich auch wieder den bedrohten Wanderfischarten wie Lachs und Stör zugute.

    Kochalski, S. , Riepe, C. , Fujitani, M. , Aas, Ø. and Arlinghaus, R. (2018) Public perception of river fish biodiversity in four European countries. Conservation Biology. Accepted Author Manuscript. doi:10.1111/cobi.13180

    Quelle: https://www.igb-berlin.de/news/was-wissen-die-deutschen-ueber-die-fische-ihren-fluessen

    Martin
    Martin
    Martin ist von Fischen fasziniert. Den ausgebildeten Fischwirt und angehende Fischerei Ingenieur zieht es auch in seiner Freizeit noch ans Wasser. Hier zählen vor allem das Feedern in der Elbe und das Barsche ärgern in der Spree zu seinen Lieblingsbeschäftigungen.

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